Richten
Klar, die wirklich bedeutenden Urteile werden von Richtern im Gericht gefällt. Jedes Wochenende jedoch scheint es, als gäbe es da noch wichtigere Entscheidungen – wenn etwa ein Schiedsrichter das Abseits übersehen hat.
"Der soll es nun richten." Ein Satz, häufig zu hören, wenn im Radio oder Fernsehen über ein Fußballspiel berichtet wird. Gemeint ist dabei Folgendes: Ein Spieler der Mannschaft, die zurückliegt, wird eben eingewechselt. Vielleicht kann er ja wenigstens noch den Ausgleich erzielen, damit das Ding nicht verloren geht. Er soll auf dem Spielfeld noch etwas ausrichten, soll heißen, ein Tor schießen oder auch zwei.
Der Herr der Spielregeln
Wir haben uns für diese Woche das Stichwort "richten" ausgesucht, und da passt es ganz wunderbar, dass die Worte "Richter" und sogar "Schiedsrichter" so eng mit dem Verbum "richten" verwandt sind. Weshalb heißt der berühmte Mann in Schwarz "Schiedsrichter"?
Nun, er wacht darüber, dass die Regeln des Spiels eingehalten werden, und entscheidet kraft seines Amtes, was zu geschehen hat, wenn gegen die Regeln verstoßen wird. In gewisser Weise sind seine Entscheidungen einem Richterspruch vergleichbar. Auch er, der Schiedsrichter, sorgt dafür, dass dem Recht – in seinem Fall den Spielregeln – Geltung verschafft wird. Mal macht er das mit mehr, mal mit weniger Augenmaß.
Der Handwerker kriegt's hin
"Richten" ist ein "Bewirkungswort". Was darunter zu verstehen ist, lässt sich am besten mit der Grundbedeutung von "richten" erklären. "Richten" heißt seiner Herkunft nach nichts anderes als "gerade machen". Das ist ganz wörtlich zu verstehen. "Richten" heißt aber auch: "etwas eine ganz bestimmte Richtung geben".
"Etwas richten" ist ein Begriff, der vor allem im Handwerk geläufig war. Noch heute kann man vor allem im Süddeutschen hören: "Das lässt sich richten". Gemeint ist: Das kann man machen; das lässt sich wieder in Ordnung bringen oder auch reparieren. Die Uhr geht jetzt wieder richtig. Der Uhrmacher hat sie repariert.
Den Blick in die richtige Richtung richten
Sie merken, da sind wir schon bei einer übertragenen Bedeutung des Stichworts, und zwar in adverbialem Gebrauch. "Richtig" kann aber auch die Funktion eines Adjektivs annehmen. Beispiel: "Das ist der richtige Weg"; im Gegensatz zum falschen. Oder der von Politikern so ermüdend oft bemühte "Schritt in die richtige Richtung", wobei dieser samt der richtigen Richtung ausschließlich in bildhafter Bedeutung zu verstehen ist.
Auch das Verbum "richten" kann im entsprechenden Zusammenhang eine Richtung, ein Ziel markieren. Beispiele: "Er richtet den Blick stets nach vorn". Oder: "Das Mädchen richtete seine Blicke auf ihn; sein Herz schlug schneller". Und ohne Beispiele: jemandem Grüße ausrichten lassen; das Wort an die Zuhörer richten; sich nach jemandem richten oder die Aufmerksamkeit auf etwas richten.
Da lässt sich nichts mehr richten: zugrunde gerichtet
Sie kennen den Ausdruck "etwas zugrunde richten". Damit ist, auch das hat in gewisser Weise mit "Richtung" zu tun, ein unablässiger und gleichermaßen zerstörerischer Vorgang gemeint. Sozusagen in gerader Linie vom Guten ins Schlechte – oder ganz dramatisch – von der Existenz in die Vernichtung. Man/Frau kann sich gesundheitlich zugrunde richten; eine Firma lässt sich zugrunde richten; alles lässt sich zugrunde richten.
Wörter nehmen in ihrer Bedeutungsentwicklung oft nicht so recht zu bestimmende Richtungen ein. "Richten" ist da keine Ausnahme. So kann "richten" auch "fertig machen" und "sich zurechtmachen" bedeuten. Manchmal mit und manchmal ohne Vorsilbe.
Welch ein Unterschied so eine kleine Vorsilbe doch macht …
So heißt zum Beispiel "das Essen richten" entweder, zu kochen beginnen, oder das, was auf den Tisch kommen soll, herrichten und es dann – wenn’s beliebt und so man hat – auf einer Anrichte hübsch anrichten. Wenn Gäste zum Essen erwartet werden, empfiehlt es sich, einiges vorzurichten, also vorzubereiten.
Was Vorsilben bedeutungsmäßig anrichten können, wird schlagartig klar, wenn wir unser Stichwort mit "hin-" kombinieren. "Hinrichten" und "Hinrichtung" sind Begriffe aus der Rechtssprechung. Hinrichtung ist die Vollstreckung der Todesstrafe aufgrund eines richterlichen Urteils.
Juchhu, das Haus steht!
Wir wollen aber nicht mit einem so schrecklichen Beispiel enden. Zurück zu den Anfängen, zurück zu "richten" im Sinne von "gerade machen". Da sind wir noch einmal beim Handwerk, bei den Maurern und Zimmerleuten, die sich mit ihrer Richtschnur oder dem Richtscheit vergewissern, dass Mauern und Dachstuhl genau senkrecht, im Lot, stehen. Wenn das Haus im Rohbau aufgerichtet ist, wird der Richtbaum am Dachfirst angebracht und Richtfest gefeiert. Nun haben wir doch noch einen richtig schönen Schluss gefunden; und was die Schiedsrichter angeht: Die allermeisten machen ihre Sache schon richtig. Ein paar schwarze Schafe gibt's überall.
Fragen zum Text:
Wenn jemand sagt: "Das lässt sich richten", so meint er/sie damit, dass …
1. über etwas leicht ein Urteil gefällt werden kann.
2. etwas wieder in Ordnung gebracht werden kann.
3. etwas hübsch zurechtgemacht werden soll.
Man richtet seine Aufmerksamkeit …
1. an etwas.
2. gegen etwas.
3. auf etwas.
Was gehört zu einem Richtfest?
1. eine Richtschnur
2. ein Richtbaum
3. ein Schiedsrichter
Arbeitsauftrag:
Ob be-, ver-, vor-, hin-, her-, auf-, an- oder aus-, "richten" lässt dich mit zahlreichen Vorsilben kombinieren, wodurch sich die Bedeutung oft stark verändert. Bilden Sie zu jeder der hier genannten Vorsilben plus "richten" einen Satz.
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